Allegorisches Interview
Aus dem LocoFolio 2/2008:
Allegorisches Interview: Fragen von Stephan Gut (†); ehemaliger Präsident Sektion Ostschweiz
Nach zwölfjähriger Beziehung mit deiner Frau hast du letztes Jahr beschlossen, deine Ehe nach dem Vorbild der SBB umzukrempeln. Was bewog Dich zu diesem Schritt?
Es war ein logischer Schritt. Bisher hatten wir ja alles intuitiv, also ohne Plan gemacht. Wir kauften Lebensmittel, die wir gerade brauchten, haben uns spontan mit Freunden verabredet, gingen in die Ferien, ohne vorher ein Budget zu erstellen…
Und dies funktionierte nicht?
Oh doch! Es funktionierte gut. Aber ich wollte, dass wir uns weiterentwickeln.
Ich begriff die Veränderungen in meinem Beruf als Lokführer als Chance, moderner und effizienter zu werden, und wollte dies auch in meinem privaten Bereich umsetzen. Die Prozessabläufe mussten hinterfragt und klarer strukturiert werden, Verantwortlichkeiten geregelt und Budgets erstellt werden.
Gib uns ein Beispiel.
Zunächst errechnete ich die durchschnittlichen Kosten, die meine Frau monatlich für Lebensmittel ausgibt und erstellte ihr ein Budget: monatliche Kosten minus 15% in den ersten 6 Monaten und jeweils halbjährlich weitere minus 5%. Mit Planung lässt sich einiges einsparen. Wenn sie am Morgen, bevor sie mir das Frühstück zubereitet, die Aktionen in den Zeitungen studiert, kann sie effizient ihren Einkauf planen.
Aber der Aufwand deiner Frau für das Einkaufen wird damit doch grösser? Rechnet sich die Einsparung mit den zusätzlichen Benzinkosten?
Auch daran habe ich gedacht. Die Benzinkosten wurden in das Lebensmittel-Budget integriert.
Leidet mit diesen Einsparungen nicht die Qualität?
Selbstverständlich erwarte ich gleichbleibende Qualität beim Essen; das war der Deal. Aber mit ein wenig Flexibilität und Kreativität ist das durchaus machbar. Es gibt Leute, die haben weniger, und es geht auch. Wichtig war es auch, die Fixkosten zu verringern: ein downgrade der Krankenkasse meiner Frau wurde unumgänglich und ihre Altersvorsorge reduzierte ich auf ein Minimum. Dies bedingt natürlich präventive Massnahmen gegen teure Unzulänglichkeiten wie Krankheit oder Unfall. In der Regel reicht es aber, die Kontrolle zu verstärken. Wir führen jede Woche ein Führungs- und Entwicklungsgespräch miteinander, und wenn ich ihr meine Kosten vorrechne, die sie mit jedem gemachtem Krankheitstag verursacht, begreift auch sie.
Entscheidest du diese Massnahmen alleine?
Natürlich nicht, mir ist die Ausgewogenheit der Meinungen sehr wichtig. Ich engagierte - analog zur SBB - eine Ehekommission EKO für meine Frau. Sie entschied sich für 3 Freundinnen, die ich regelmässig zu Gesprächen einlade.
Leider stellen sie sich sehr oft, wie zum Beispiel bei Budgetanpassungen, undifferenziert auf die Seite meiner Frau, obwohl ich ja derjenige bin, der sie bewirtet. Ich überlege mir momentan eine Professionalisierung unserer EKO, mit unabhängigen Leuten, die ich bestimme.
Und an diesen wöchentlichen Gesprächen plant ihr euren Alltag?
Nein, diese Gespräche dienen eher zur Optimierung aufgrund der gemachten Erfahrungen; Fehler werden aufgedeckt und wenn nötig mit Zielvorgaben korrigiert. Die Planung habe ich durchstrukturiert. Wenn zum Beispiel ihre Eltern auf Besuch zu uns kommen möchten, schicken sie meiner Frau ein eMail auf eine dafür eingerichtete Adresse und sie überträgt ihren Wunsch 3 Monate vor dem Termin auf einen Post-it-Zettel inklusive Angaben über Dringlichkeit und möglicher Gegengeschäfte, den sie am Kühlschrank platziert. Ich wiederum beklebe den Zettel bei Gelegenheit mit einem roten Punkt (Wunsch nicht genehmigt) oder einem grünem Punkt (Wunsch genehmigt). Die grünen Punkte werden Ende Jahr zusammengezählt, bewertet, und der EKO geschickt. So werden gefühlte Ungerechtigkeiten verhindert, denn ihre Wünsche sind ja bei mir immer mit Mehraufwand verbunden.
Und wenn du einen Wunsch hast?
Dann telefoniere ich mit ihr und teile ihr meinen Wunsch mit, ganz einfach. Zur Erhöhung ihrer Verfügbarkeit projektiere ich zudem ein Lebensarbeitszeitmodell mit optimalen Konditionen.
Dein System wird grundsätzlich akzeptiert?
Meine Frau kann jederzeit Verbesserungsvorschläge anbringen. Und ausserdem befindet sich das System im steten Wandel; ich habe noch viele Visionen. Wir sehen uns als LAP; Lebensabschnittspartner. Meine Frau muss sich bewusst werden, dass viele jüngere und anspruchslosere Frauen nur darauf warten, ihre Stelle einzunehmen. Denkbar wäre auch ein Temporär- oder Jobsharing-Model, wobei z.B. Studentinnen in spitzen Zeiten gewisse Pflichten übernehmen würden.
Ist deine Frau gewerkschaftlich organisiert?
Natürlich. Ebenfalls mit drei Sozialpartnern, SOZIS genannt, wobei 2 davon ihre Freundinnen von der EKO sind. Da besteht noch ein Interessenkonflikt.
Weitere Personen?
Erstens einen Chef-Überwacher CÜ, der meiner Frau zur Seite steht und mir Bericht erstattet, wenn sie nicht optimal arbeitet. Zweitens einen Chef-Organisator CO für den CÜ und drittens einen Koordinator KOO für den CO. Ferner einen Budgetüberwacher und einen Langfristplaner. Ich habe sogar 5 Promotoren engagiert, weiss aber noch nicht, wie ich sie einsetzen soll.
Kostet soviel Personal nicht sehr viel Geld?
Doch, aber es ist es wert. Mit weiteren Budgetkürzungen sind diese Investitionen bald zahlbar. Und jetzt kann ich meiner Frau plausibel anhand von präzisen Kalkulationen klarmachen, warum wir uns keine Ferien leisten können oder teure Kleider.
Vermisst deine Frau nicht ihre frühere Selbstständigkeit?
Im Gegenteil. Ich machte ihr den Vorschlag für eine erhöhte Selbsteinteilung, indem sie Aufgaben und Verantwortlichkeiten des CÜ und des CO übernehmen würde. Sie hat aber abgelehnt.
Deine Frau ist zufrieden?
Nun... sie ist, glaube ich, ausgezogen, denn ich habe sie seit 2 Wochen nicht mehr gesehen. Sie hinterliess mir eine Nachricht auf einem Post-it-Zettel am Kühlschrank, aus der klar hervorgeht, dass sie das System noch nicht ganz begriffen hat. Aber ich bin zuversichtlich. Ich habe sie bereits für nächste Woche an einen Kommunikationskurs angemeldet.
Das wird ihr helfen.